Der SJC mit Bachs h-Moll-Messe in der Tonhalle: Das Grossartige an diesem Konzert ist, wie all die verschiedenen Hintergründe, Stimmungen und Motivationen der Musizierenden verschmelzen und wir alle Teil eines einzigen grossen Apparates werden, diesen gemeinsam anheizen und zum Laufen bringen und so Bachs grossartige Musik erlebbar machen können.
Ich bin zu spät. Natürlich muss es so kommen, dass ich von allen Tagen genau heute das Tram in die falsche Richtung nehme und so über Umwege zur Tonhalle gelangen muss. Schon den ganzen Tag bin ich von einer aufgeregten Vorfreude erfüllt. Nein, es ist nicht, weil morgen Heiligabend ist und ich mich frage, was es wohl zu Weihnachten geben und wie der geschmückte Baum aussehen wird. Anstelle von «Oh du Fröhliche» und «Stille Nacht» hämmern wilde Koloraturen und verzwackte Kontrapunkte in meinem Kopf. Aufgeregt bin ich, weil wir heute Abend Bachs h-Moll-Messe in der Zürcher Tonhalle singen. Mit dem Schweizer Jugendchor, dem Capriccio Barockorchester, namhaften Solisten und Nicolas Fink Teil einer gewaltigen Bach-Maschinerie zu sein und erst noch sein Opus Magnum in einem solch edlen Konzertsaal wie der Tonhalle Zürich aufzuführen, ist halt nun wirklich nichts Alltägliches – an einem solchen Tag steigt man dann schon mal ins falsche Tram ein.
Nachdem mich ein freundlicher Mitarbeiter via Künstlereingang – ja, das fühlt sich schon recht gut an, so einen Spezialeingang zu benützen - in den Backstage gelassen hat, bin ich zunächst mal ziemlich verloren. Ich finde mich inmitten eines Wirrwarrs von Gängen, Treppen, Einspielzimmern, Konferenzräumen wieder und es ist einigermassen schwer, durch dieses Labyrinth zum grossen Saal zu finden. Wie ich so richtungslos durch den Tonhallenkomplex stolpere, höre ich plötzlich ganz fein und leise die Einsingübungen des Chores. Ja, ich bin wirklich zu spät, aber jetzt immerhin mit Orientierung. Ich folge dem Klang, bis ich vor der Türe zum grossen Saal stehe. So ganz allein im ausladenden Foyer stehend, nur eine einfache Holztüre von dem Chor entfernt und in der Gewissheit, dass ganz bald etwas Wirklichkeit werden würde, auf das ich mich schon so lange freue, nehme ich erstmal ein paar tiefe Atemzüge. Nach dem Öffnen der Türe bietet sich mir ein Anblick, der mich grad nochmals tief durchschnaufen lässt: Der ganze Prunk mit übergrossen Kronleuchtern, Säulen, Balkonen und Balustraden, Fresken, die Musen und Kunst preisen, das viele Gold und die schiere Grösse des Saals sind eine Wucht, die überwältigt.
Dann steht man auf der Bühne, wo sonst Leute wie Cecilia Bartoli oder Sir Eliot Gardiner stehen und probt Bachs Musik. Die h-Moll-Messe ist eines der absolut epochalen Werke der abendländischen Musikgeschichte und ein Stück, das man als Chorsänger*in unbedingt gesungen haben will. In den Reihen des Chores knistert die Aufregung und Freude darüber, Teil von etwas Grossem zu sein richtiggehend. Wir alle haben einen ganz unterschiedlichen Bezug zu dieser Musik – einige haben das Stück schon mehrmals mit dem Schweizer Jugendchor gesungen und beschäftigen sich auch sonst viel mit Bachs Musik, andere singen vielleicht zum allersten Mal ein Werk von Bach und tauchen erst gerade ein in diese komplexe Welt der Fugen, musikalischen Figuren und Kontrapunkte. Aber alle merken wir irgendwie, dass die h-Moll-Messe ein grossartiges Stück Kunst ist, in das man immer weiter eintauchen kann und das man mit jedem Musizieren ein kleines Stückchen besser versteht und differenzierter zu singen lernt.
So präsentieren wir ein paar Stunden später der ausverkauften Tonhalle genau unsere Version der h-Moll-Messe, wie sie die vielen Individuen eines Chores eben verstehen und fühlen. Das Grossartige daran ist, wie in einem solchen Konzert all die verschiedenen Hintergründe, Stimmungen und Motivationen der Musizierenden verschmelzen und wir alle Teil eines einzigen Apparates werden, diesen gemeinsam anheizen und zum Laufen bringen und so Bachs grossartige Musik erlebbar machen können.
Bald schon sind die Ovationen vorbei, wir gehen ab, schliessen uns in die Arme und sind froh darüber, dass uns der Veranstalter nach all dem schönen, aber auch anstrengenden Gesang ein kühles Getränk an der Bar offeriert. So verteilen wir uns für die kommenden Festtage nach und nach, gehen alle unsere eigenen Wege und tragen doch die Gewissheit in uns, heute gemeinsam etwas Unvergessliches erlebt zu haben.
David Zehnder, Bass 2