Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Berner Komponisten Arthur Furer (links) kuratiert sein Neffe Kaspar Zehnder (rechts) ein Festival rund um dessen musikalischen Kosmos. Der SJC ist eingeladen, am Wochenende vom 23. und 24. März bedeutende Werke des Komponisten zu singen. Ein Gespräch mit Kaspar Zehnder zeigt, was für ein besonderer Mensch und Musiker Arthur Furer war und wieso es Zehnder wichtig ist, dass gerade der SJC dessen Musik aufführt.
Der Schweizer Jugendchor ist eingeladen, im Rahmen des Festivalgottesdienstes Furers Golgatha-Kantate zu singen und in einem eigenen Konzert verschiedene A capella-Werke für Frauenchor des Komponisten aufzuführen.
Arthur Furer (1924 – 2013) war ein Berner Komponist, Musiker und Pädagoge. Er wirkte als Solobratschist im Berner Kammerorchester, war Geiger im Berner Symphonieorchester und als vielseitiger Kammermusiker aktiv. Von 1952 bis 1988 war Furer Musiklehrer am städtischen Seminar Marzili und leitete verschiedene Berner Chöre. Im Kontext seiner pädagogischen Tätigkeit ist eine Vielzahl von teils sehr anspruchsvollen Kompositionen entstanden. So sind auch die Jahreszeitenlieder und die Kathedrale, die der Schweizer Jugendchor aufführen wird, für den Chor am Lehrerinnenseminar komponiert worden. Für sein umfassendes Schaffen erhielt Furer verschiedene Preise wie den grossen Musikpreis des Kantons Bern oder die höchste Auszeichnung am VI. Concorso Internazionale di Musica «G.B. Viotti».
Musiktheorie bei Arthur Furer
Im Gespräch mit Kaspar Zehnder über seinen Onkel Arthur Furer wird eines schnell klar: Bei Arthur Furer oder «Unggle Turi», wie er in der Familie genannt worden war, hat sich alles um die Musik gedreht und wurde ihrem Studium untergeordnet. Furer redete eigentlich selten über etwas anderes als über Musik – auch bei gewöhnlichen Mittagessen wurde man von ihm examiniert und musste Rede und Antwort zu musiktheoretischen Fragen stehen können. Es ist unter diesen Umständen nachvollziehbar, dass sich weniger musikinteressierte Mitglieder der Familie von der Strenge und Autorität Furers abgewandt haben.
Als Kaspar aber mit 11 Jahren für die Konfirmation seiner Schwester eine Telemann-Sonate mit Furer musizierte, war dieser von den musikalischen Begabungen seines Neffen so angetan, dass er ihn gewissermassen zu seinem musikalischen Wunschsohn erklärte. Von da an hiess es für Kaspar jeden Mittwochnachmittag: Musiktheorie bei Onkel Turi. Der Unterricht bei Furer war streng, aber äusserst fundiert und gewissenhaft, so dass Kaspar bei seiner Arbeit bis heute auf die Werkzeuge zurückgreift, die ihm von seinem Onkel in früher Jugend mitgegeben worden sind.
Arthur Furer als Musiklehrer am städtischen Lehrerinnenseminar Marzili
Furer hat weit über dreissig Jahre als Musiklehrer am städtischen Lehrerinnenseminar Marzili unterrichtet und hat so Generationen von angehenden Lehrerinnen geprägt. Furer muss ein unerbittlicher und sehr strenger, aber gleichermassen auch äusserst inspirierender und charismatischer Lehrer gewesen sein. Man hat ihn geliebt oder gehasst. Wie damals üblich, ganz der klassischen, der «ernsten» Musik verpflichtet, hat Furer seine Schülerinnen in musikalischer Theorie und Praxis gebildet und ihnen ein ausgereiftes Handwerk für den eigenen Unterricht mitgegeben. Wegen mangelnder Literatur für Frauenchor hat Furer für seine Klassen selbst Stücke geschrieben, die gesungen und analysiert wurden. Dabei galten stets höchste Ansprüche – die Furer aber auch an sich selbst stellte und dank denen die Schulchöre unter Furer herausragende Qualität erlangten.
Obwohl sich Furer ganz der klassischen Musik verpflichtete und alles andere für Trivialmusik hielt, erzählt Kaspar, wie er gegen Ende seiner Unterrichtszeit bei der Fahrt zur Schule immer die neusten Hits auf DRS 3 gehört hat. Er wollte die musikalische Realität seiner Schülerinnen kennenlernen und hat vielleicht insgeheim auch Genuss an der Hitparade gefunden.
Die Berner Chöre und Arthur Furer
Golgatha wiederum ist nicht im Kontext des Lehrerinnenseminar entstanden, sondern war eine Auftragskomposition für die Karfreitagskonzerte des Berner Kammerchors. Weil Heidi Indermühle, die Flötenlehrerin von Kaspar Zehnder, beim Konzert mitwirkte, war auch er bei der Uraufführung dabei. An die vielschichtigen Klanglandschaften, die virtuosen Flötenarpeggien und die schroffen Posauneneinsätze erinnert sich Zehnder aber heute nicht mehr, viel mehr blieb in Erinnerung, dass man im Seitenschiff des Berner Münsters sass und nicht viel sehen konnte.
Arthur Furer komponierte für verschiedene Berner Ensembles und war als Chorleiter den Berner Chören tief verbunden. Furer muss auch ein charismatischer Chorleiter mit höchsten Ansprüchen gewesen sein. Furers beschwörende Art, seine vollkommene Hingabe zur Musik und seine tiefgehende Kenntnis der Partituren haben nachhaltig auf Musizierende und Publikum gewirkt. Kaspar Zehnder erinnert sich beispielsweise an eine Aufführung von Bachs h-Moll-Messe mit dem Lehrergesangsverein Konolfingen unter der Leitung seines Onkels als absolute Sternstunde. Furer konnte durch seine Hartnäckigkeit und Energie gerade auch im Laienkontext Chöre zu sängerischen und künstlerischen Spitzenleistungen bringen.
Kaspar Zehnder und die Musik seines Onkels
Angefangen bei der BALADA für Flöte und Klavier (1992), die Arthur Furer für das Solistendiplom von Kaspar Zehnder komponierte, hat Kaspar die Musik Furers im In- und Ausland immer wieder aufgeführt. Vor allem zu Lebzeiten des Komponisten hat er die Stücke Furers auch mit internationalen Orchestern aufgeführt und so die Musik Furers massgeblich verbreitet. Diese Musik mit einem Ensemble ganz ohne Bezug zum Komponisten oder dessen Heimat aufzuführen, ist immer auch ein Risiko, das sich aber bezahlt gemacht hat. Kaspar sagt zwar schmunzelnd, dass eigentlich die meisten Stücke Furers einfach sauschwer seien, aber doch immer gerne gespielt wurden. Die Stücke waren auch zur Zeit ihrer Entstehung nicht massgeblich neuartig, haben aber durch ihre plakative Tonsprache und sorgfältige Konzeption bis heute nicht an Ausdruck verloren und können auf Spielende wie Zuhörende gleichermassen elektrisierend wirken.
Junge Musiker*innen am Arthur Furer-Festival
Im Zentrum des Arthur-Furer-Festivals stehen mit Zehnders Idee, die Musik Furers an eine neue Generation weiterzugeben, junge Musizierende. Dass der Schweizer Jugendchor als nationales Spitzenensemble Teil des Festivals sein muss, war für Kaspar Zehnder klar. Arthur Furer hat als Pädagoge einen wichtigen Teil seiner Musik für junge Menschen geschrieben und ihnen mit seinen Kompositionen viel abverlangt. Dabei stand seine Überzeugung im Vordergrund, dass junge Menschen eben auf besonders frische Art fähig sind, Musik auf höchstem Niveau zu interpretieren.
Die Musik Furers ist eng mit seiner Persönlichkeit verbunden und hat sich auch wegen seiner charismatischen Persönlichkeit durchsetzen können. Auch Kaspar Zehnder ist mit der Musik seines Onkels sehr persönlich verbunden, will mit dem kommenden Festival die Musik Furers aber nun an junge Menschen weitergeben, die Furer nicht gekannt haben; sie sollen selbst entscheiden, ob seine Musik einen Platz im heutigen Konzertleben verdient hat und ob sie sie weiterpflegen wollen.
Auch wir haben uns an den Kompositionen Arthur Furers die Zähne ausgebissen und ihre Schwierigkeiten kennengelernt. Wenn man die Töne aber gelesen hat und frei zu singen beginnt, zeigt sich die Qualität und Wucht dieser Musik, die uns mitreisst. Wir freuen uns auf das kommende Festival!
David Zehnder, Bass 2 , verfasste diese Beitrag auf Grundlage eines Gesprächs mit Kaspar Zehnder
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